(Lenaya Lanou)
Hiermit möchte ich die Damen und Herren am heutigen Abend recht herzlich begrüßen zu einem weiteren Referate des Flügels der Elementarmagie dieser Akademie. Im heutigen Vortrag will ich mich einem mit Sicherheit sehr interessantem Thema widmen, welches bereits in vielen Geschichten und Märchen seinen Ursprung fand und wohl ohne diese auch nur einen Bruchteil seiner Faszination hätte - Die fliegenden Teppiche.
Einleitend werde ich in einer kurzen Fassung ebend eines dieser Märchen wiedergeben, welche wohl noch heute und auch in weiter Zukunft sowohl Jung als auch Alt zu begeistern wissen.
So stand in einem alten Märchenbuch einmal geschrieben, von einem jungen Prinzen in weiter Ferne von östlichen Ländern, der ebend einen solchen fliegenden Teppich seinen Besitz nennen konnte. Doch war er kein glücklicher Mensch, so doch seine Liebe zu einer holden Maid - der Tochter eines unbarmherzigen, alten Königs - wohl der Unerfülltheit geweiht zu sein schien. Mauern von riesigen Ausmassen und mit strengster Bewachung umzäunten die junge und wohl wunderschöne Prinzessin wie ein Gefängnis, schwer bewacht vom Fussvolke an Soldaten und Wachmännern des alten Greises.
Voller Unerschrockenheit darüber machte sich der junge Prinz des Nachts auf, zu übersteigen die Mauern und Wachen mit seinem fliegenden Teppich und zu holen seine Geliebte, um mit ihr zu schweben über den Wolken und zu erleben eine der schönsten Nächte.
Doch wie es in einem Märchen wohl immer ist, bemerkte der schreckliche Vater das Verschwinden seiner Tochter und zog seinen Hofmagus zu Rate, trug ihm auf die beiden Entflohenen zu finden und schnellst möglich zu ihm zurück zu bringen. Auch das gewissenlose Scheusal von Hofmagier war im Besitz eines solchen Artefaktes von Teppich und begab sich alsbald auf die Suche nach dem verliebten Paar.
Aufgefunden hatte er die beiden Flüchtigen in einer Oase, in der sie fest umschlungen die Nacht verbringen wollten. Neid erfasste den alten Hofmagus ob der Prinzessin, die ihm versprochen ward, und Hass keimte in ihm auf, als er die Glückseligkeit des jungen Prinzen aus dessen Augen ablesen konnte. So wirkte er einen mächtigen Zauber, der den fliegenden Teppich mitsamt der Liebenden in die Lüfte aufstiegen lies und den jungen Prinzen über dem See der Oase abwarf, auf dass er hilflos ertrinken sollte.
Doch waren die Geister der Luft dem liebenden Paar wohl gesonnen und mit einem die Luft zerschneidenden Zischen entwich dem fliegenden Teppich des Hofmagiers ein Luftgeist, tauchte hinab in den See und schenkte mit Prinzen die Luft zum Atmen, auf dass er sich sicher zum Ufer erretten konnte.
Derweilen ward der Teppich des alten Hofmagus nun nicht mehr als ein Normaler, verlor seine besondere Gabe des Fliegens und der alte Scherge musste statt des jungen Prinzens jämmerlich ertrinken, ohne dass ihm Rettung zuteil wurde.
pausiert einen Moment
Nun meine Herrschaften, halten sie diese Geschichte für wahr oder ist es wirklich nur ein erfundenes Märchen, das kleinen Kindern vor dem Einschlafen vorgelesen wird ? Oder steckt in ihm doch ein Funke mehr als nur der erfinderische Geist eines Geschichtenschreibers ?
blickt durch die Reihen
Ich möchte am heutigen Abend behaupten, dass solche Märchen doch einen Teil der Wahrheit in sich überlieferten, auch wenn nicht alle Fakten genau der Realität entsprechen und über die Jahrhunderte verfälscht worden sind.
deutet vor sich auf den ausgelegten Teppich
Stellen wir nun die Frage in den Raum, wie wir diesen Teppich hier zu einem solchen Artefakt machen können ? Auf dass er völlig selbstständig und ohne unser Einwirken in der Lage ist zu fliegen.
schweift mit den Händen über den Teppich und lässt ihn in einer Höhe von etwa 10 Zentimetern über dem Tisch schweben
Ist es möglich, dass jener Teppich alleine, ganz ohne mein Einwirken in dieser Höhe weiter zu schweben in der Lage ist, genau wie es ein fliegender Teppich tut ?
schaut kurz auf den Teppich, schweift dann den Blick wieder durch die Reihen
Grundsätzlich kann man sagen, Nein.
zieht ihre Hände zurück und der Teppich fällt auf den Tisch nieder
Dieser Teppich wird nie einem solchen fliegenden Teppich gleich kommen und in der Lage sein, alleine und unabhängig von einem Magier in der Luft zu verweilen, da ihm schon einige der Grundeigenschaften dieser besonderen Artefakte fehlen. Gefertigt wurde dieser Teppich von einem Schneider oder Teppichknüpfer, welcher sich mit hoher Wahrscheinlichkeit keine ausschweifenderen Gedanken über dessen Nutzung machte. Er sollte lediglich irgendwo einmal in einem schönen Haus, vielleicht vor einem Kamin oder dergleichen liegen - und dort auch liegen bleiben, mehr nicht.
Genau das ist der erste wichtige Punkt, welcher bei den fliegenden Teppichen im Gegensatz zu ihren normalen Ebenbildern zu unterscheiden ist. Voraussetzung für die Herstellung eines fliegenden Teppichs sind die Muster und Strukturen, aus denen der Teppich gewoben wird. Man behauptet, dass nur noch ein Dutzend Familien das Geheimnis der richtigen Muster kennen und nur die Hälfte davon zeigt sich als begabt genug, diese auch umzusetzen. Dementsprechend wird das Geheimnis der richtigen Weberskunst von ihnen auch eifersüchtig behütet.
Neben den korrekten Mustern und Strukturen ist natürlich auch der Garn ein wichtiger Fakt für das Gelingen eines solchen Unterfangens. So konnte ich erlesen, dass oft von hell bläulichen bis hin zu metallisch schimmernden Stoffen die Rede war und diese Fäden eine besondere metallische Legierung aufweisen, welche mitunter eine gar wichtige Bedeutung haben sollen. Doch sowohl Bedeutung als auch die Herstellung dieses besonderen Stoffes wird gehütet und beschützt von den wenigen Teppichknüpfern, die der Vorgehensweise und Herstellung mächtig sind.
Fasst man nun zusammen, was alleine notwendig ist um den Teppich zu weben und ihn in seiner Rohform zu fertigen, dürfte der aufgewendete Zeitbedarf nicht verwunderlich sein. So spricht man von einer Arbeitsdauer, um einen Teppich herzustellen, welcher eine Person zu tragen in der Lage ist, von etwa einem halben Menschenleben.
Führt man sich dies vor Augen, ist es nicht verwunderlich, dass viele Teppichknüpfer dem Wahnsinn verfallen sind, so ihr Werk nicht gelungen war, denn noch ist der Teppich nicht vollendet. Der wohl wichtigste Fakt fehlt ihm zu guter Letzt noch.
Im Märchen wurde von einem Luftgeist gesprochen, welcher sich vom Teppich löste, als er das Unheil, welches am Liebespaar geschah, nicht mehr dulden wollte und so einschritt, um Gerechtigkeit zu fechten und dem wahren Bösen Einhalt zu gebieten. Der Tatbestand der Lösung an sich, kann getrost als romantischer und typisch märchenhafter Unfug abgetan werden und soll hierbei nicht genauer betrachtet werden.
Uns hingegen soll eher der angesprochene Luftgeist interessieren. Eine passendere Bezeichnung wäre hierfür wohl gewählt als ein Elementar der Luft.
Insofern die gewobenen Muster und Strukturen der angestrebten Korrektheit entsprechen, die Materialien von Garn mit jenen besonderen Legierungen und der vollkommenen Fehlerlosigkeit vollendet sind, dann ist es möglich, dass ein Elementar der Luft den Teppich als neue Wohnstätte akzeptiert und die Arbeit von Jahren entlohnt mit dem vollendetem Werk - einem fliegenden Teppich.
Wie genau jedoch diese Teppichweber es vollbringen, ein solches Elementar zu rufen, ist weitestgehend unbekannt. Vermutungen lassen den Gedanken aufkommen, dass sie womöglich in rituellen Weihungen des Teppichs oder ähnlichen Vorgehensweisen das Elementar der Luft mehr unbewusst als bewusst rufen. Womöglich sehen sie es nicht einmal als Elementar an, sondern halten es von alten Glaubensrichtungen her für Geister der Lüfte oder dergleichen. So kann es durchaus auch an falschen Formulierungen und Vorgehensweisen liegen, dass das Elementar den Teppich nicht annimmt, statt an der eigentlichen jahrelangen Arbeit des Teppichs.
Meiner Meinung nach noch naheliegend wäre allerdings, dass sie dafür Elementaristen oder andere Magi zu Rate ziehen, damit jene für sie den Abschluss der Arbeit beenden und somit indirekt die Probe erbringen, ob sich die jahrelange Arbeit gelohnt hat und das Elementar den Teppich annimmt. Die Weber an sich gelten allgemein als nicht magiebegabte Wesen und es lässt vermuten, dass sie die eigentliche Rufung und das Angebot der neuen Wohnstätte nicht selber durchzuführen in der Lage sind. Und führen wir uns doch einmal vor Augen, dass es doch ein wenig paradox wäre, wenn Wesen, die für die Magie unbegabt sind, solche Elementarrufungen durchzuführen vermochten. So würde ich auch eher zu jener Variante tendieren, dass die Weber die eigentliche Rufung des Elementares nicht selber durchführen.
pausiert einen Moment und blickt durch den Saal
So der Erfolg das Werk segnet, ist es nun nach der Dauer eines halben Menschenlebens vollendet und ein weiterer der wenigen fliegenden Teppiche hergestellt. Ob zu heutiger Zeit solche Besonderheiten noch gefertigt werden ist unklar, doch steht ausser Frage, dass mitunter noch einige wenige Familien das alte Geheimnis dieser Kunst kennen und so ab und an, auch wenn nur recht selten, doch ein neuer fliegender Teppich hergestellt wird. Nun, insofern Fragen offen stehen, bin ich nun gerne bereit, diese zu beantworten soweit es in meiner Macht steht.
Ich danke der Zuhörerschaft für ihr lauschend Ohr und beende hiermit die Ausführungen des heutigen Abends. Allen sein ein guter Heimweg gewünscht, die Elemente mit Ihnen.