(Valeria Santara)
Ein jedes denkendes Lebewesen sucht nach einem Lebenssinn. Diesen findet es oft in einem Ziel, dem es sein Leben widmen will. Doch nicht nur dieses Ziel macht das Leben lebenswert - auch ist wichtig mit welchen Mitteln, mit welchem Weg es dieses erreichen will. Es wird sich an sich selbst gesteckte Prinzipien und Idealen orientieren, die je nach Wesen unterschiedlich zahlreich und komplex gehalten sind, und diese so gut als möglich befolgen.
So hat auch jede Gottheit dieser Welt ihr eigenes Ziel und ihren eigenen Weg.
Es gibt glauben und Glauben. Wenn ein Sterblicher an einen Gott glaubt, akzeptiert er dessen Existenz und auch, daß er für Geschicke, die auf der Welt passieren, verantwortlich ist oder sein könnte. Er glaubt an ihn - betet ihn jedoch nicht unbedingt an.
Mein Vortrag bezieht sich allerdings auf die Form des Glaubens im Sinne von Anbetung einer Gottheit. Ein Sterblicher erwählt einen Gott für sich, da dessen Ideale und Ziel dem seinigen entsprechen, besonders nahe stehen und er sich dadurch zu ihm verbunden fühlt, oder diese ihn schlichtweg beeindrucken, und er ihn in dieser Hinsicht unterstützen möchte. Er bietet sich dieser Gottheit an, ihm in der Umsetzung seiner Ziele beizustehen in Einhaltung seiner Ideale - seines Weges.
Es kann auch sein, daß der Gott zuerst aufmerksam auf den Sterblichen wurde und ihn erwählt und erleuchtet, da er sich von diesem Bestimmtes verspricht.
Außerdem gibt es Wesen, deren mehr oder weniger lang vorherbestimmtes Schicksal es schon immer schien einem bestimmten Gott zu dienen.
An einen Gott zu glauben und ihn anzubeten bedeutet Vertrauen in ihn zu setzen. Man dient ihm um seiner Ideale Willen - ihm zu helfen diese zu verwirklichen und in die Tat umzusetzen. Und solange man dabei dem Weg und den Prinzipien des Gottes folgt und nicht entgegen dieser agiert, wird der Gott seinen Anhänger, wenn er auf ihn aufmerksam wurde, in dieser Hinsicht unterstützen. Er schenkt seinem Glaubenden seinerseits Vertrauen. Auch wenn der Gott nicht immer sein Augenmerk auf ihn richten kann, so ist dennoch eine permanente Vertrauensverbindung zwischen der Gottheit und dem Glaubenden vorhanden. Je mehr der Glaubende im Sinne seiner Gottheit vollbringt und je länger er seinem Weg folgt, desto stärker wird dieses gegenseitige Vertrauen und somit fester diese Art der Bindung und desto größer die Aufmerksamkeit und Unterstützung des Gottes.
Die Unterstützung eines Gottes zeigt sich mehr oder weniger offensichtlich. In manchen Fällen ist es nur ein kurzes Eingreifen in einer brenzligen Situation, um seinen Glaubenden oder Personen für die ein Glaubender um Schutz ersucht hatte, vor schlimmeren Unglück zu bewahren. Hierbei tritt er seltenst selbst in Erscheinung, sondern ändert etwa minimale Begebenheiten an einer Situation, so daß ein Außenstehender von unwahrscheinlichem Glück oder vielleicht auch Zufall sprechen mag.
Glaubenden, die durch ihre Glaubensfestigkeit einen besonderen Status einnehmen - dazu gehören mitunter Priester oder Paladine - verleiht er unter Umständen eine oder mehrere Gaben. Der Sterbliche erhält einen Bruchteil seiner Macht zur Verfügung gestellt, mit der er ihm dienlich sein kann.
Diese Gabe kann je nach Person und Persönlichkeit des Einzelnen anders ausfallen.
Eine Kämpfernatur wird wahrscheinlich eher besonderen Schutze im Kampfe empfangen, wenn er gegen Feinde seiner Gottheit oder Übel vorgeht. Anderen Streitern wird vielleicht auch ein Wunder zuteil wie zum Beispiel durch das bloße Auflegen von Händen Verwundungen heilen zu können. Andere, die eher eine spirituelle Natur haben, erhalten unter Umständen die Fähigkeit vielfältige Wunder zu wirken - ähnlich der Zauber eines Magiers. Nach außen hin mögen einige Effekte ähnlich der Spruchzauberei aussehen, doch ist der subjektive Weg diesen Effekt hervorzurufen ein anderer.
Mit dem Vertrauen, mit der Gabe setzt der Gott ein gewisses Potential seiner Selbst in den Glaubenden. Je vertrauter sich Gott und Glaubender einander sind, desto enger die Bindung beider, desto mehr Potential wird dem Glaubenden zur Verfügung gestellt, was sich in mehr oder gar mächtigeren Wundern äußert. Außerdem fällt es mit der im Normalfall stets stärker werdenden Verbindung zu seinem Gott dem Wunderwirkenden leichter seine Wunder zu wirken.
Ein Sterblicher wird jedoch niemals ansatzweise an das wahre Potential seines Gottes herankommen und als Einzelner mächtiger als andere zaubernde Seinesgleichen werden. Zum einen, da er nur mit einem begrenzten Machtpotential umgehen kann, da er von seiner Vorstellung, seinen Gedanken und seiner Konzentration heraus schlichtweg nicht mehr steuern oder auslösen könnte. Zum anderen wird er je nach Wunder das er wirkt geistig oder gar körperlich erschöpft.
Allerdings seien ergänzend noch folgende Fälle zu erwähnen:
Zum einen kann es vorkommen, daß ein Gott direkt in den Körper eines sterblichen Glaubenden fährt und durch diesen agiert. Der Sterbliche wird zu einem Avatar seines Gottes. Er überläßt seine sterbliche Hülle bedingungslos seinem Gott, unfähig selbst in die Geschehnisse einzugreifen. Der Gott wiederum kann ungehindert sein komplettes, göttliches Potential einsetzen.
Zum anderen gab es zumindest schon einen Fall, in dem ein normaler Sterblicher von seinem Gott aufgrund von Taten in seinem Sinne zu einem Diener an seiner Seite und zu einem gottgleichen Wesen erhoben und mit entsprechenden gottgleichen Potential ausgestattet wurde. Ihm wurde ein eigenes Aufgabengebiet zuteil und ist noch heute Bestandteil als Gottheit unseres Pantheons: Thanatos, der Herr der Carnifexe.
Um wieder auf das Potential eines Normalsterblichen zurückzukommen: dieses Potential Wunder zu wirken erhält der Glaubende, um seinen Gott in seiner Sache zu dienen und zu unterstützen. Das bedeutet, er wird mit dieser Macht keine Dinge bewirken, die dem Weg seiner Gottheit widersprechen. Um das Beispiel eines Kerissaglaubenden heranzuziehen: er würde nie einen Dämonen beschwören. Würde er das Potential das ihm gegeben wurde dennoch nutzen, um dies aus irgendeinem Grunde doch zu tun, so würde er mit Sicherheit das Vertrauen seiner Gottheit in ihn verlieren und er müßte sich erst wieder als würdig erweisen, um sein Vertrauen und somit seine Gabe - sein Potential wiederzuerhalten.
Solange könnte er keine Wunder auf der ihm vertrauten Art und Weise wirken. Es stünde ihm frei sich zum Beispiel der Spruchzauberei zu widmen und diese zu verwenden, doch ob er diese dergleichen geübt und routiniert vollbringen kann wie seine Wunder und somit je auf eine vergleichbare Stufe seiner bisherigen Macht kommen kann - dies steht auf einem anderen Blatt.
Diese subjektive Erfahrung wie ein Wunder gewirkt wird, ist recht schwer zu erklären, da es in erster Linie eine Sache der Empfindung, des Einfühlungsvermögens, der Spiritualität, dem Vertrauen und des Glaubens seiner Selbst ist.
Im Beispiel einer Wundheilung konzentriert sich der Anwender auf die Verwundung, die es zu heilen gilt, seinem Glauben zu seiner Gottheit, die zum einen in Form von eigenem Vertrauen in seinem Herzen vorhanden ist und zum anderen über die permanente Vertrauensbindung von seiner Gottheit ausgehend gestützt wird. So die angestrebte Wirkung - die Wundheilung - nicht gegen die Ideale seiner Gottheit gerichtet ist und er reinsten Gewissens und ohne Zweifel an seiner Absicht diese durchführen kann, wird er im Einklang mit sich, seinem Glauben auf das ihm zur Verfügung gestellte Machtpotential zurückgreifen können, um durch den bloßen Wunsch allein das angestrebte Wunder zu vollbringen. Deswegen auch die bewußte Wortwahl "Wunder" statt "Zauber".
Ein begleitendes, stilles oder lautes Gebet oder simples Anrufen seiner Gottheit oder das wofür sie steht während dieses Vorgangs vereinfacht diese Art von Verinnerlichung.
Reagenzien wie sie bei der Spruchmagie mitunter benutzt werden sind nicht unbedingt erforderlich. Kräuter zerrieben miteinander vermischt, um es als eine Art Weihrauch zu nutzen, erwirken eine Verstärkung einer göttlich wirkenden Aura der Umgebung. Oder aber es werden kleine Opfergaben dargebracht, um den Gott zu ehren und ihm zu danken. Beides verhilft wie das Gebet oder die Anrufung zu einer Erleichterung der Verinnerlichung und Konzentration auf die Gottheit und somit auf das Wirken des Wunders.
Es kann allerdings auch passieren, daß das erstrebte Wunder ausbleibt. Dies _kann_ bedeuten, daß der Gott hier interveniert, um es aus irgendeinem Grunde zu verhindern, ist jedoch nur seltenst der Fall. Meist wurde der Glaubende in irgendeiner Weise abgelenkt - sei es durch äußeren Einfluß, einen störenden Gedanken oder gar ein kurzer eigener Zweifel an seiner Intention. Oder aber, er ist schlichtweg geistig oder körperlich erschöpft von zuvor gewirkten Wundern und ihm fällt die Verinnerlichung und Konzentration in diesem Moment schwer.
Die Energie, die ein Glaubender durch seine Art Wunder zu wirken freisetzen kann, kann auch gebündelt werden, um größere und stärkere Effekte zu erzielen. Zum Beispiel könnte ein Einzelner durch ein längeres und intensiveres Gebet an seine Gottheit und somit kurzzeitig stärkeren Verbundenheit zu ihr, da ihm für diesen Moment mehr Aufmerksamkeit seiner Gottheit zuteil wird und sie gegebenenfalls unterstützend mitwirkt, kurzzeitig stärkere Effekte hervorrufen - wie etwa Wunden soweit zu heilen, um einen Menschen aus der Lebensgefahr zu bringen. Oder aber durch die Zusammenführung der Kräfte mehrerer Lebewesen, in einer Zeremonie oder einem Ritual. Hierbei habe ich persönlich die Erfahrung gemacht, daß Einer, der seine Wunder rein intuitiv durch das Potential seines Gottes wirkt, durchaus seine Kräfte mit anderen Magiewirkenden zusammenführen kann sofern er sich ein Bild aus dem gewünschten Effekt machen kann.
Um auf den Wunderwirker selbst zurückzukommen:
Wenn sein Geist oder Körper durch Anwendung vieler oder eines großen Wunders erschöpft ist, gibt es mehrere Wege diesen wieder zu erfrischen und entspannen, um ihn auf erneutes Wirken von Wundern vorzubereiten.
Der Glaubende kann in sich kehren, um mehr oder weniger still seinem Gott zu huldigen und sich auf dessen Bindung zu konzentrieren, sich selbst und ihm bewußt werdend. Hierzu benötigt er im Normalfall keine Hilfsmittel wie sie durchaus bekannt sind - wie etwa Alraunedämpfe einzuatmen - sondern es ist hierbei eine bloße Verinnerlichung auf das eigene Sein, das Sein des Gottes, seinen eigenen Glaubens und das Band des Vertrauens zwischen den beiden ausreichend.
Dadurch, daß das Potential dem Sterblichen zur Verfügung gestellt wurde, kann der Glaubende selbst dann darauf zurückgreifen und Wunder wirken, wenn er die Bindung zu seinem Gott kurzzeitig - wie etwa durch die Einwirkung fremder Mächte - verliert. Allerdings ist das Gefühl, daß ihn dabei beschleichen wird, ganz und gar unangenehm, da statt der permanenten Bindung, wo sonst die Gewißheit war, daß der Gott mit ihm ist, nur Stille und Leere herrscht. Dies kann einen Glaubenden verunsichern, da er nur noch _sein_ Vertrauen in seine Gottheit verspürt, während er dieses von seiner Gottheit nicht mehr wahrnehmen kann. Er ist allein. Wer sonst gewohnt ist stets eine Verbindung, stets jemanden um sich herum und mit sich zu tragen, der wird sich mit einem Mal sehr einsam vorkommen. Nun kommt es auf ihn und sein Herz an, wie stark sein Glauben ist ohne Zweifel aufkommen zu lassen, wie gut er sich in dieser Situation zurechtfinden wird.
Eine Meditation und geistige Regeneration um neue Wunder zu wirken ist in solchen Umgebungen sicher auch möglich, werden den Glaubenden allerdings vor eine zusätzliche Prüfung stellen, da er ganz bewußt erkennt, daß die Bindung zu seinem Gott gestört und er auf sich gestellt ist.
Abschließend sollte noch gesagt sein, daß nicht jeder Glaubende gezwungenermaßen die vorgestellte Art der Glaubens-"magie" nutzt. Es kommt stets auf die Person und Gottheit an. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, daß es Azuth eher heiligen würde, wenn die Magiewirkung durch Manamanipulation ausgeführt werden würde, während ein Kossuthpriester womöglich Elementarmagie nutzt oder ein Garlenanhänger die Naturmagie.